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  • Zu neuen Taten! Interview mit Bodo Busse

Ein Intendantenwechsel markiert an einem traditionsreichen Haus wie der Staatsoper Hannover stets eine Zäsur, die zwischen dem Bewahren des Erreichten und dem Aufbruch zu neuen künstlerischen Horizonten oszilliert. Wenn Bodo Busse im Sommer 2025 die Leitung übernimmt, tritt er kein leichtes Erbe an, doch er tut dies mit einer tiefen Referenz an die Geschichte des Hauses. Im Gespräch mit dem Richard-Wagner-Verband Hannover skizziert Busse eine Vision, die künstlerische Exzellenz mit einer neuen Offenheit und emotionalen Nahbarkeit verbindet.

Die Erforschung der Haus-DNA

Für Busse beginnt die Arbeit an einem neuen Haus nicht am Reißbrett, sondern mit einer fast archäologischen Suche nach der „DNA“ der Institution. Bemerkenswert ist seine intensive Auseinandersetzung mit der Ära von Hans-Peter Lehmann, dessen Wirken in Hannover auch 24 Jahre nach dessen Intendanz noch immer als Maßstab für ein atmendes, empathisch geführtes Repertoiretheater gilt. Busse begreift das Theater nicht als isolierten Ort der Selbstdarstellung, sondern als ein gewachsenes Gefüge, dessen Strukturen und historischer Geist die Basis für künftige Innovationen bilden. Diese Wertschätzung der Tradition – insbesondere der großen hannoverschen Ensembletradition – bildet das Fundament, auf dem er seine eigenen Akzente setzen möchte.

Zwischen Barock und Zeitgeist: Ein lebendiges Repertoire

Die Staatsoper Hannover genießt überregional den Ruf eines Hauses, das die gesamte Breite des Musiktheaters abdeckt. Busse betont, dass dieser Anspruch von Barock bis zur Gegenwart keine bloße Floskel bleiben darf. Für ihn ist Repertoirepflege ein dynamischer Prozess: Wenn eine Produktion wie „Hänsel und Gretel“ über Jahrzehnte im Spielplan bleibt, müsse sie durch Neubesetzungen und eine vitale Weitergabe des künstlerischen Geistes stets neu belebt werden.

Gleichzeitig verschließt er die Augen nicht vor den ökonomischen Realitäten. Die prekäre Finanzierungslage durch steigende Tarif- und Sachkosten bei gleichzeitigem Wandel des Publikumsverhaltens nach der Pandemie erfordert neue Strategien. Busse setzt hier auf eine verstärkte Öffnung des Hauses: Es gelte, eine „Willkommenskultur“ und „Aufenthaltsqualität“ zu schaffen, die über den reinen Vorstellungsbesuch hinausgeht. Die Oper muss sich als diskursiver Raum beweisen, der durch kluge Rahmenprogramme auch komplexe Werke – gerade die monumentalen Musikdramen Richard Wagners – wieder stärker im Bewusstsein der Stadt verankert.

Regie als emotionaler Brückenschlag

In der Debatte um moderne Regiehandschriften bezieht Busse eine klare Position. Er distanziert sich von einer rein intellektuellen Dekonstruktion, die den Zuschauer ratlos zurücklässt. Sein Ideal ist ein Musiktheater der „großen Bildwelten“ und der erzählerischen Klarheit. Regie muss für ihn eine Brücke schlagen: Sie soll den Kern der Musik freilegen und einen emotionalen Zugang ermöglichen, ohne dabei aktionistisch zu wirken.

Besonders wichtig ist ihm dabei der menschliche Faktor hinter den Kulissen. Gute Kunst, so Busses Überzeugung, entsteht nicht unter Angst oder dem Diktat großer Egos, sondern in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts. Ein Regieteam muss das gesamte Haus – von der Technik bis zum Ensemble – für seine Vision gewinnen. Nur wenn ein Werk von allen Abteilungen mitgetragen wird, kann jener „Spirit“ entstehen, der sich schlussendlich auf das Publikum überträgt.

Wagner als Herzstück der künftigen Spielplanung

Für die Mitglieder des Richard-Wagner-Verbands dürfte besonders erfreulich sein, dass Bodo Busse das Werk Wagners als eine zentrale Säule seiner Arbeit begreift. Seine bisherigen Stationen in Coburg und Saarbrücken waren geprägt von ambitionierten Wagner-Projekten, vom „Lohengrin“ bis zum aktuellen „Ring“. Auch für Hannover stellt er in Aussicht, dass Wagner eine gewichtige Rolle spielen wird.

Fazit und Ausblick

Der Wechsel zu Bodo Busse verspricht für Hannover eine Intendanz, die kluges Management mit leidenschaftlicher Künstlerschaft paart. Sein Ansatz, das Haus strukturell zu öffnen und gleichzeitig die hohen Standards des Repertoirebetriebs zu verteidigen, ist die richtige Antwort auf die kulturpolitischen Herausforderungen unserer Zeit. Wenn im Mai der erste Spielplan veröffentlicht wird, darf man gespannt sein, wie diese theoretischen Leitplanken in konkrete „neue Taten“ übersetzt werden. Für die Wagner-Rezeption in Hannover beginnt damit ein Kapitel, das Tradition nicht als Asche, sondern als weiterzugebendes Feuer versteht.

Schriftführer
Podcast-Host

Auf dem Weg nach oben - im Gespräch mit Aurel Dawidiuk
Wagners Parsifal anthroposophisch? - Jasmin Solfaghari
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