Von der Berliner Staatsoper direkt an die Spitze eines der bedeutendsten Opernhäuser Europas: Thomas Guggeis’ Antritt als Generalmusikdirektor in Frankfurt markiert einen Generationswechsel, der weit über die üblichen Personalien hinausgeht. In einem aktuellen Gespräch für „Wagner on Air“ gewährt der Dirigent Einblicke in sein Selbstverständnis, seine tiefgehende Auseinandersetzung mit Richard Wagner und sein Plädoyer für eine Oper, die sich als gesellschaftlicher Reflex versteht.
Das Handwerk hinter dem Glanz
In einer Zeit, in der das Musikbetriebssystem oft zur schnellen Mythenbildung neigt, wirkt Thomas Guggeis erstaunlich geerdet. Den Titel des „Star-Dirigenten“ weist er mit einer Mischung aus Bescheidenheit und professionellem Fokus zurück. Sein Credo – „Ich möchte nicht berühmt, sondern erfolgreich sein“ – zielt auf die künstlerische Substanz ab, nicht auf die äußere Wirkung. Seine Lehrjahre bei Daniel Barenboim und die Zeit als Repetiteur beschreibt er nicht als bloße Zwischenstationen, sondern als essenzielle Schule der Koordination und des menschlichen Miteinanders. Für Guggeis ist die Oper ein „Luxusgut“, das nur durch das präzise Ineinandergreifen unzähliger Gewerke – von der Bühnentechnik bis zum Ensemble – existieren kann. Diese Demut vor dem Apparat prägt sein Dirigat: Er versteht sich als Teil eines atmenden Organismus.
Das Spannungsfeld der Ästhetik: Mozart, Ligeti und der Mut zur Lücke
Guggeis’ Spielplangestaltung in Frankfurt zeugt von einem tiefen Verständnis für die historische Tiefe der Gattung. Dass er Mozart zur „Chefsache“ erklärt und den Figaro als das vielleicht vollkommenste Werk der Musikgeschichte bezeichnet, ist kein musikalischer Konservatismus. Vielmehr sieht er in der Transparenz und der psychologischen Präzision Mozarts das Fundament für jedes musikalische Schaffen.
Dem stellt er das „Hässliche“, das Brutale und das Systemische der zeitgenössischen Musik gegenüber, wie es in György Ligetis Le Grand Macabre zum Ausdruck kommt. Für Guggeis ist moderne Musik ein notwendiger Reflex auf eine lauter und technisierter gewordene Welt. Der bemerkenswerte Publikumserfolg solcher anspruchsvollen Werke in Frankfurt bestätigt ihn in seiner Überzeugung, dass das Publikum bereit ist für Entdeckungen jenseits des Kanons, wenn sie mit künstlerischer Überzeugungskraft präsentiert werden.
Wagner im Prisma: Die Dualität des Tannhäuser
Ein Kernpunkt seiner Arbeit bleibt die Auseinandersetzung mit Richard Wagner. Kurz vor seiner ersten Frankfurter Wagner-Premiere, dem Tannhäuser, analysiert Guggeis das Werk mit der Präzision eines Musikwissenschaftlers und der Leidenschaft des Praktikers. Er entscheidet sich bewusst für die Wiener Fassung – jene „Fassung letzter Hand“, in der zwei Klangwelten fast schmerzhaft aufeinanderprallen.
Guggeis sieht im Tannhäuser die Nahtstelle zwischen der frühromantischen Melodik eines Weber oder Mendelssohn und der chromatischen Exzessivität des späteren Tristan. Wenn im zweiten Akt mitleidlose Konvention auf die rauschhafte, nachkomponierte Venusberg-Musik trifft, wird für ihn der zentrale Konflikt des Werks physisch greifbar.
Ein Ausblick: Kontinuität und Entdeckung
Die Zukunft der Wagner-Rezeption in Frankfurt wird unter Guggeis von einer klugen Balance geprägt sein. Er plant, auf der starken „Wagner-DNA“ des Frankfurter Orchesters aufzubauen und gleichzeitig durch gezielte Neuproduktionen und Ausgrabungen das Repertoire zu weiten. Sein Weg führt dabei auch über das italienische Fach und die Wiederentdeckung vergessener Komponisten, immer mit dem Ziel, die Oper als einen Ort der relevanten Fragen zu erhalten.
