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  • Hänsel und Gretel in Braunschweig – Interview mit Brigitte Fassbaender

Von der Bühne in die Regieverantwortung, vom Weltruhm zur Nachwuchspflege: Brigitte Fassbaender, eine der prägendsten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit, kehrt für eine Neuinszenierung von Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ an das Staatstheater Braunschweig zurück. In einem Gespräch über künstlerische Reife, die Gefahren des modernen Marktes und die zeitlose Relevanz des Märchens offenbart sie eine tiefe Sorge um die Zukunft des Musiktheaters.

In der Geschichte der Oper nimmt „Hänsel und Gretel“ eine Sonderstellung ein. Oft als „Kinderstubenweihfestspiel“ belächelt, ist Humperdincks Werk doch tief in der Wagner’schen Tonsprache verwurzelt – der Komponist assistierte Richard Wagner in Bayreuth beim „Parsifal“. Es ist jene Oper, die für Generationen den ersten Kontakt mit der Gattung darstellt, ein Schwellenwerk, das die Brücke von der kindlichen Imagination zur großen musikalischen Form schlägt. Dass sich nun Brigitte Fassbaender diesem Werk widmet, ist ein Glücksfall für Braunschweig, jenem Ort, den sie als ihre „Lehrjahre“ in der Theaterleitung bezeichnet.


Die Rückkehr an den Ort der Erkenntnis

Fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass Brigitte Fassbaender als Operndirektorin die Geschicke in Braunschweig mitgestaltete. Es war eine Phase des Umbruchs, unmittelbar nach dem Ende ihrer aktiven Sängerkarriere. Für sie markierte diese Zeit den Abschied von der „permanenten Nabelschau“, die das Dasein einer Weltklassesängerin zwangsläufig mit sich bringt. Der Wechsel in die Regie und die Direktion war kein bloßer Rollentausch, sondern die bewusste Entscheidung für die Verantwortung über den gesamten künstlerischen Prozess. Diese Erfahrung, so betont sie, war das Fundament für ihre spätere Intendanz in Innsbruck. In Braunschweig schließt sich nun ein Kreis, wenn sie ihre dritte Inszenierung von Humperdincks Meisterwerk auf die Bühne bringt.


Die Gratwanderung der Inszenierung: Zwischen Erwartung und Abgrund

Die Herausforderung bei „Hänsel und Gretel“ liegt in der Vielschichtigkeit des Publikums. Fassbaender ist sich der Verantwortung bewusst: Man muss die nostalgischen Erwartungen der Großeltern ebenso bedienen wie die Neugier der Kinder, ohne dabei den eigenen künstlerischen Anspruch zu verraten. In ihrer Deutung der Hexe – in Braunschweig mit einem Tenor besetzt – zeigt sich ihr Sinn für Nuancen. Die Hexe ist bei ihr keine eindimensionale Schreckgestalt, sondern eine schillernde, fast genießerische Figur. Zwar streift die Inszenierung die Abgründe von Grausamkeit und Kannibalismus, die dem Märchen inhärent sind, doch Fassbaender vertraut auf die Kraft der Verzauberung. Für sie muss das „Faszinosum Musiktheater“ spürbar bleiben, um Schwellenängste abzubauen und die nächste Generation für die Oper zu gewinnen.


Raubbau an den Stimmen – Eine Mahnung an den Kulturbetrieb

Besonders hellhörig macht Fassbaenders Analyse der aktuellen Ausbildungssituation und des Ensemblesystems. Als Mentorin und Lehrerin beobachtet sie mit Sorge, wie die Globalisierung des Sängermarktes den Druck auf junge Talente erhöht. Zwar sei die Qualität der Bewerber ungebrochen hoch, doch fehle es an geschützten Räumen für die stimmliche Entwicklung.

Gerade im Hinblick auf das schwere Wagner-Repertoire warnt sie vor verfrühten Debüts. Ein Heldenteunor oder ein Bass benötigt Zeit zum Reifen – oft bis in das fünfte Lebensjahrzehnt hinein. Der moderne Trend zur „Typbesetzung“, bei dem das optische Erscheinungsbild oft über die stimmliche Eignung gestellt wird, führt in ihren Augen zu einem gefährlichen Verschleiß. Fassbaender plädiert leidenschaftlich für die Rückbesinnung auf das Ensemble, in dem Sänger kontinuierlich und behutsam aufgebaut werden können, statt in der Anonymität des Weltmarktes verheizt zu werden.


Fazit: Geduld als höchste Tugend

Brigitte Fassbaenders Credo für die Zukunft der Oper ist so schlicht wie anspruchsvoll: Geduld und die Kenntnis der eigenen Grenzen. In einer Zeit der Beschleunigung ist ihr Plädoyer für die ständige Arbeit am Instrument und die vernünftige Karriereplanung ein wichtiger Weckruf. Die Relevanz von Werken wie „Hänsel und Gretel“ oder den Musikdramen Wagners bemisst sich nicht an kurzfristigen Effekten, sondern an der handwerklichen Exzellenz und der intellektuellen Redlichkeit ihrer Interpreten. Fassbaenders Arbeit in Braunschweig ist somit mehr als eine Inszenierung – sie ist ein Plädoyer für die Nachhaltigkeit in der Kunst.

Schriftführer
Podcast-Host

Stipendiat 2017 - Interview mit Johannes Berndt
Stefan Vinke, Tenor ist Gastprofessor an der HMTM Hannover
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