Man kann sich bei seiner ersten Wagneroper entsetzlich langweilen und Jahrzehnte später beschließen, künftig international den Ring des Nibelungen zu bereisen. Harald Schmidt ist dafür ein ausgesprochen unterhaltsames Beispiel. Seine Wagnerbegeisterung begann nicht mit einem Erweckungserlebnis im Opernhaus, sondern mit einer beruflichen Einladung. Erst kam der Auftrag, dann die Beschäftigung, schließlich die Leidenschaft.
Wie erlebt jemand Wagner, der selbst auf der Bühne steht, ausgezeichnete Musiker kennt und trotzdem ohne jede Scheu zugibt, auf diesem Gebiet ein Anfänger zu sein? Unser Gespräch führt von der Kirchenorgel über Klaus Florian Vogt und einen klemmenden Schwan bis zu der Frage, warum im Ring erstaunlich viel gelacht werden darf.
Musikalische Vorbildung schützt nicht vor Wagnerlangeweile
Musik gehört seit Langem zu Harald Schmidts Leben. Er hat eine kirchenmusikalische C-Ausbildung absolviert, ist also, wie er selbst nüchtern einordnet, ein geprüfter Laie. Aktiv Orgel spielt er inzwischen nicht mehr.
Der bekannte Walkürenritt in Apocalypse Now war ein früher Berührungspunkt mit Wagner. Aber Filmmusik und Opernerfahrung sind zwei verschiedene Dinge. In der berühmten Filmszene verstärkt die Musik das Geschehen. Im Opernhaus muss man sich dagegen auf ein ganzes Werk einlassen.
Schmidts erste Begegnung mit einer Wagneroper liegt nach seiner Erinnerung ungefähr ein halbes Jahrhundert zurück. Mit der Schule ging es nach Stuttgart, vermutlich in den Fliegenden Holländer. An die Aufführung selbst erinnert er sich kaum. An die Langeweile sehr genau.
Ein missglückter erster Opernbesuch muss also kein endgültiges Urteil sein. Bei Schmidt blieb lange die Frage offen, wo man überhaupt anfangen sollte. Welche Wagneroper eignet sich zum Einstieg? Wie findet man einen Zugang, der mehr ist als pflichtbewusstes Ausharren?
Der Einstieg kam über Zürich und einen konkreten Auftrag
Die entscheidende Einladung erhielt Schmidt rund drei Jahre vor unserem Gespräch von Andreas Homoki, dem damaligen Intendanten des Opernhauses Zürich. Gesucht war ein kabarettistischer Begleitabend zum Ring. Damit hatte die Beschäftigung plötzlich einen Anlass und eine Richtung.
Schmidt arbeitete sich ein, nahm den Kontakt zu Klaus Florian Vogt wieder auf, der bereits Jahre zuvor in seiner Fernsehsendung zu Gast gewesen war, und begann, sich ernsthaft mit dem Werk auseinanderzusetzen.
Dabei zieht er eine klare Grenze: Seine intensivere Beschäftigung gilt dem Ring, nicht automatisch dem gesamten Wagnerkosmos. Über Tristan und Isolde, Parsifal oder Lohengrin beansprucht er keine umfassende Kennerschaft. Einzelne Ausschnitte und Zusammenhänge sind hinzugekommen, aber neben Menschen, die sich seit Jahrzehnten mit Wagner befassen, versteht er sich weiterhin als Novize.
Mit Klaus Florian Vogt: Große Musik und Geschichten aus dem Bühnenalltag
Aus dem Zürcher Wagnerprojekt entwickelte sich die Zusammenarbeit mit Klaus Florian Vogt. Schmidt hatte mit dem Chefdramaturgen der Zürcher Oper einen Podcast aufgenommen, dessen Grundhaltung ungefähr so lautete: Er kenne sich noch nicht aus, sei aber gebeten worden, darüber zu sprechen.
Vogt gefiel das. Er rief an und schlug vor, einen solchen Austausch auf die Bühne zu bringen: Schmidt fragt, Vogt erzählt und singt. Dazu kommt sein langjähriger Korrepetitor Jobst Schneiderat am Klavier.
Die Grundlage bildete eine Auswahl von ungefähr zehn bis zwölf Ausschnitten, vor allem aus den Ring-Opern, aber auch mit der Gralserzählung aus Lohengrin. Dazwischen entstanden Gespräche, die sich von Abend zu Abend weiterentwickelten.
Schmidt beschreibt seine eigene Rolle dabei denkbar angenehm: Er sitzt da, bewundert Vogt und stellt gelegentlich eine Frage, die ihn wirklich interessiert.
Das Bayreuther Publikum: Wagnerleidenschaft mit Picknick und Weltreiseplan
Wie erlebt Schmidt nun die Menschen, die wegen Wagner nach Bayreuth kommen? Seine erste Diagnose ist eindeutig: Ein großer Teil sei regelrecht süchtig nach dieser Musik.
Natürlich mag es bei einer Premiere auch Gäste geben, für die gesellschaftliche Sichtbarkeit eine Rolle spielt. Aber wer keinen Bezug zur Musik hat und nicht weiß, worum es auf der Bühne geht, wird sich die langen Abende auf den harten Sitzen kaum dauerhaft antun.
Besonders aufschlussreich sind die Pausen. Einige holen ihr Picknick aus dem Kofferraum. Andere gehen zum Wassertreten. Am Bratwurststand fallen Sängernamen mit derselben Selbstverständlichkeit wie andernorts die Namen von Fußballstars.
Man tauscht Erinnerungen aus, vergleicht Besetzungen und Inszenierungen, erzählt von legendären Aufführungen. Und erwähnt womöglich beiläufig, dass nächste Woche in Tokio der nächste Ring ansteht.
Damit ist auch die finanzielle Seite angesprochen. Eine einzelne Bayreuthkarte ist nicht billig, erscheint Schmidt im Vergleich mit manchen Popkonzerten aber keineswegs völlig außergewöhnlich. Wer hingegen vier oder fünf vollständige Ring-Zyklen pro Jahr an verschiedenen Orten besucht, benötigt entsprechende Mittel.
Das Elitäre dieser Welt schreckt ihn nicht ab. Im Gegenteil: Ihm hat gerade die besondere Atmosphäre gefallen. Bayreuth hält er für weltweit einmalig und für ein kulturelles Markenzeichen. Schon der Ortsname ruft bei vielen Menschen zuerst Wagner auf und erst danach die Stadt selbst.
„Ring 2.0“ in Ulm: Ein großes Werk darf Werkstattcharakter haben
Wie aus der Begeisterung eines Einsteigers ein vermittelnder Bühnenabend werden kann, zeigt das Ulmer Projekt Ring 2.0. Initiatorin war Diana Haller, die Schmidt bereits aus der Stuttgarter Ariadne kannte. Dort hatte sie den Komponisten gesungen.
Eine zentrale Rolle spielte Rita Kaufmann, inzwischen stellvertretende Studienleiterin an der Wiener Staatsoper. Sie begleitete den gesamten Abend am Klavier und beteiligte sich zugleich am Gespräch. So konnten musikalische Einzelheiten und Motive unmittelbar erläutert und hörbar gemacht werden.
Der Abend dauerte mit Schmidts Moderation ungefähr drei Stunden und fünfzehn Minuten. Eine vollständige Wiedergabe des Ring war das natürlich nicht. Teilweise wurden im Klavierauszug rund 120 Seiten übersprungen. Schmidt übernahm dann die erzählerische Verbindung: Wer erschlägt gerade wen? Wer verwandelt sich in einen Drachen? Wer wird mit Gold aufgewogen?
Loriot ist für ein solches Modell der naheliegende Maßstab. Schmidt benennt aber einen Unterschied: Bei Loriot steht ein durchgeschriebener Erzähltext zwischen den musikalischen Teilen. In Ulm wurden große Sprünge innerhalb der Musik durch Moderation und Erläuterung verbunden.
Das Ergebnis war eine unterhaltsame Werkeinführung an einem Abend, keine verkleinerte Festspielproduktion. Der Werkstattcharakter gehörte ausdrücklich zum Reiz: hervorragende Sängerinnen und Sänger, ein Flügel, eine ausgezeichnete Pianistin und ein Moderator, der nicht so tut, als habe er jede Antwort längst gewusst.
Wagners Sprache ist nicht nur feierlich, sondern auch boshaft komisch
Über die Sprache des Ring wird gern parodistisch gesprochen. Schmidt hält dagegen: Er findet sie großartig. Sie ist eine besondere Erfindung Wagners, und wer die Texte liest, entdeckt darin keineswegs ausschließlich Pathos.
Die Dialoge zwischen Siegfried und Mime sind sein bevorzugtes Beispiel. Die beiden beschimpfen sich mit großer Ausdauer. Es geht um Abneigung, Hässlichkeit, schlechtes Essen und ein unbefriedigendes Zuhause. Hinter dem mythologischen Personal steht ein ausgesprochen gehässiger häuslicher Umgangston.
Gerade darin steckt ein Zugang, der bei allzu ehrfürchtiger Vermittlung leicht verloren geht. Im Ring gibt es viel Komik, und die muss man nicht erst von außen hinzufügen.
Schmidt kann sich deshalb ähnliche Abende gut an anderen Theatern vorstellen: Vorhang herunter, Flügel auf die Bühne, die vorhandenen Sängerinnen und Sänger dazu. Eine Einführung muss nicht zwangsläufig eine akademische Vorlesung sein.
Internationaler Ringbeobachter: Ein durchaus luxuriöser Ruhestandsplan
Schmidts persönlicher Plan steht inzwischen fest: Als Rentner möchte er international Ring-Aufführungen besuchen. Das ist eine schöne, allerdings organisatorisch und finanziell anspruchsvolle Beschäftigung. Häufig muss man einen ganzen Zyklus buchen, und manche Produktionen werden nur wenige Male gespielt.
Die passende Gesprächstechnik für die Pausen hat er bereits entwickelt. Man hört kundigen Menschen aufmerksam zu, merkt sich ein oder zwei Schlüsselbegriffe und lässt anschließend die anderen weiterreden.
Als Beispiel nennt er das Lob für einen Ring an der Mailänder Scala, das ihm von mehreren Seiten zugetragen worden sei. Selbst gesehen hatte er ihn nicht. Mit einem Hinweis auf das Bühnenbild oder die gute Erkennbarkeit der Geschichte könne man aber schon erstaunlich weit kommen.
Neue Begeisterung braucht keine vorgetäuschte Kennerschaft
Bleibt die Frage, woher das künftige Wagnerpublikum kommt. Dass das traditionelle Publikum älter wird und neue Generationen gewonnen werden müssen, ist auch Schmidt bewusst. Die einfallsreiche und vielfältige Nachwuchsarbeit in Bayreuth würdigt er ausdrücklich.
Nur möchte er sich nicht selbst zum Verantwortlichen dafür erklären. Er habe genug damit zu tun, die ohne Wagner verbrachten Jahrzehnte nachzuholen. Für die Nachwuchsvermittlung gebe es qualifizierte Menschen, denen er diese Aufgabe gern überlasse.
Darin steckt die übliche kokette Selbstbezogenheit. Zugleich leisten Abende wie die mit Klaus Florian Vogt oder Ring 2.0 genau das, worüber wir sprechen: Sie ermöglichen Begegnungen mit Wagner, ohne vorab eine Prüfung in Leitmotivkunde zu verlangen.
Das Ermutigende an Schmidts Weg ist deshalb nicht, dass aus einem Anfänger möglichst schnell ein Experte geworden wäre. Er bleibt neugierig, fragt nach, liest, hört zu und lacht. Aus einer enttäuschenden Schulerfahrung wurde mit großer Verspätung eine echte Leidenschaft.
